Die Ohrfeige hatte gesessen. Der Handabdruck leuchtete rot auf seiner Wange. Er duckte sich als ein Teller geflogen kam und brachte sich eiligst hinter der Tür, die ihm als Schutzschild diente, in Sicherheit. “Caramba! Halte ein!” rief er der Dame zu, doch die wütete weiter.
“Sieh zu, dass du verschwindest, du dreckiger Mistkerl!” schrie sie ihn unter Schluchzern an.
Leandro musste sich eingestehen, dass er diese Sache ein für allemal verbockt hatte. Wie konnte das nur passieren?
Als er Neraida heute endlich wieder gesehen hatte, wollte er nichts mehr, als zu Hitta, um ihr davon zu berichten. Genau das hatte er getan. Er hatte bestimmt eine gute Stunde berichtet. Dinge von vorher, Dinge, die sie ihm nur kurz angedeutet hatte, Dinge die eben erst passiert waren.
Hitta wurde zusehends ärgerlicher, was er gar nicht verstehen konnte. Um sie zu überzeugen beendete er das Thema und nahm sie in die Arme. Sie war zwar immer noch kritisch, ließ sich aber von seinen Küssen und Schmeicheleien schnell überzeugen. So kam eins zum anderen und er hatte das Gefühl, dass Rahja heute besonders wohlgesonnen auf ihn hinabblickte. Doch dann passierte es. Völlig in Träumen gefangen, kamen sie ihrem Höhepunkt näher. “Neraida! Endlich!” stöhnte er auf und wollte sich an Hitte kuscheln, als die Ohrfeige ihn in die Realität holte und er mit einem überraschend kräftigem Schubs aus dem Bett flog. Im ersten Moment war ihm gar nicht klar, was passiert war, aber unter Zetern und Schreien hielt Hitta es ihm noch einmal vor und so dämmerte ihm nach und nach, dass er gedanklich tatsächlich nicht bei Hitta gewesen war.
Alles entschuldigen und flehen nutzte gar nichts. Und als sie begann Gegenstände nach ihm zu werfen, verschwand er.
Er musste einen klaren Kopf bekommen. Er mochte Hitta wirklich! Das erste Mal hatte er das Gefühl, er würde es länger mit einer Frau, vielleicht sogar ewig, aushalten. Er irrte über die Wiesen und zerbrach sich schier den Kopf über das was passiert war.
Unterwegs traf er Brin, dem er immerhin die frohe Botschaft von Neraidas Rückkehr überbringen konnte. Brin war zwar etwas skeptisch über Leandros Miene, freute sich aber zu sehr darüber, dass Neraida wieder da sein sollte.
SIE. Neraida! Was stimmte mit ihm – mit Leandro – nicht, dass er vorhin davon geträumt hatte, dass sie unter ihm lag und nicht Hitta?
Zugegeben, schon als er sie damals kennen gelernt hatte, wollte er sie wenigstens einmal ins Bett bekommen. Aber sie hatte mehr als einmal deutlich gemacht, dass es für sie nur Juan gab. Trotz Rahjabund, auch ohne Treueschwur. Also was stimmte nicht? Sie hatten sich angefreundet und er hatte die ein oder andere Liebschaft mit den Damen aus Trallop gehabt. Und Hitta! Hitta war mit Abstand die längste seiner Beziehungen und er fühlte sich wohl bei ihr!
All das Grübeln brachte ihn nicht weiter. Er machte sich auf den Weg zurück zur Fechtschule.

Hitta hatte Neraida seine Klamotten um die Ohren geworfen und war wütend abgezogen. So hielt es ihm Neraida mit einem breiten Grinsen vor, als er die Räume der Schul wieder betreten hatte.
Brin war schon wieder losgezogen. Er würde genau so ein Weiberheld werden, wie sein alter Herr. “Oder wie ich?”, dachte er, dann schob er die Gedanken endgültig beiseite.
Bei Wein und dem ein oder anderen Schnaps erzählte Neraida ihm ihre Geschichte der vergangenen Jahre im Horasreich.
Sie scherzten und lachten, trauerten bei den gefallen Freunden und tranken, bis zu befürchten war, dass Neraida gleich umkippen würde.
Er half ihr auf, nachdem er sie überredet hatte, dass sie jetzt wirklich ins Bett gehörte. Sie strauchelte und fiel ihm in die Arme. Kichernd bedankte sie sich mit einem Kuss bei ihm. “Mein Held. Mein alter Mann. Immer für mich da!” säuselte sie ihm zu und küsste ihn noch einmal lange und schmiegte sich dabei an ihn. Ihre Hände wanderten zu den Schnüren seines Hemdes. Als ihm das klar wurde, hielt er ihre Hände fest und beendete den Kuss. “Du musst ins Bett, Neraida! Juan wird sicher bald kommen.” Wieder kicherte sie “Klaaaaar.” und stolperte, Leandro an die Hand nehmend, Richtung Schlafzimmer.
Erleichterung stellte sich ein, als Brin zurückkam. “Hilf mir!” sagte er mit flehendem Blick.
Zu Zweit schafften sie die fast schon schlafende Neraida ins Bett und halfen ihr aus der Kleidung. Brins Blicke zwischendurch waren deutlich und so sah Leandro zu, dass er das Zimmer verließ und ihr Chaos aus Wein, Bechern und Essensresten beseitigte, um sich dann mit einer Flasche vor die Schule zu setzen, in der Hoffnung Juan würde bald wiederkommen. Vielleicht könnte der ihm Verstand einbläuen, wenn Neraida ihm morgen Bericht erstattet hatte.