Es traf ihn härter als die Ohrfeige Hittas. Neraida, Juan und Brin würden auf Reisen gehen. Nach Albernia. Eventuell würden sie sogar die Schule dorthin verlegen! Ein Albtraum! Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Lachen, weil er sich über das Vertrauen, was sie ihm schenkten freute, sollte er sich doch um die Schule kümmern, so lange sie fort seien oder weinen, weil er seine liebgewonnene “Familie”, vor allem aber Neraida, wieder verlieren sollte.
Was auch immer sie unterwegs erlebt haben mochte – und sie hatte ihm furchtbare Geschichten erzählt! – es hatte sie verändert. Nicht zum Negativen. SIe war offener, spielte fast mit ihm, als sie ihn zu überzeugen versuchte.

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Ich sprach eben mit Leandro. Sein Gesicht wirkte wie drei Tage Regenwetter als ich ihn bat auf die Schule Acht zu geben, während wir Albernia bereisten. Vermutlich hat er nur keine Lust auf so viel Arbeit! Ein bisschen Überzeugungsarbeit musste ich schon leisten. Ich glaube T. hat mir letztlich genau so viel beigebracht, wie ich ihm. Es erstaunt mich selber, wie offen ich das einsetzen kann. Leandro wirkte allerdings so vollkommen anders, als ich ihn kennengelernt hatte. Fast ängstlich und abwehrend. Dabei hätte er vor meiner Reise ins Horasreich jeden kleinsten Halm gegriffen um mich doch noch herumzukriegen. Was stimmt denn bloß nicht mit ihm? Ich habe das Gefühl, es hat was mit unserem weinseeligen Abend zu tun. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, was ich gesagt oder getan haben könnte, um ihn so anders werden zu lassen. Wir haben nur über meine Reise ins Horasreich gesprochen. Und dieses Hittathema kann man ihm auch nur stückweise aus der Nase ziehen!

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Und dann noch das Hittathema! Warum kam sie immer wieder darauf zurück? Wollte sie ihn absichtlich ärgern? Warum merkte sie nicht, dass er mit ihr jetzt wirklich nicht über Frauen reden wollte? Schon gar nicht, wo sie eine der Frauen war, die ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollten. Nicht, nachdem er bei Hitta lag und ihren Namen gerufen hatte, schon gar nicht nach dem langen, intensiven Kuss, an den sie sich nicht einmal mehr erinnern konnte! Und abgeschlossen hatte er auch die Geschichte mit Hitta nicht. Zum ersten Mal hatte er ein schlechtes Gewissen. DAbei hatte er Hitta nicht mal wirklich betrogen!
Sein Magen fühlte sich flau an und Neraida strapazierte seine Nerven mehr als gut war. Er drängelte an ihr vorbei in die Küche und holte eine Flasche Wein und eine Flasche Premer hervor, die er sich eigentlich für eine ordentliche Feier besorgt hatte. Es gab letztlich ja jetzt etwas zu feiern. Mit bitterer Miene stellte er 3 Becher auf. In 2 davon füllte er Wein, in den letzten eine große Menge Premer, die er sich sofort hinter die Binde kippte. Er reichte Neraida, die ihm gefolgt war und mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnte, einen Weinbecher. “Na dann lass uns feiern, dass ihr auf große Reise geht!” Er wartet nicht, dass sie reagierte und kippte auch den Becher Wein in einem Ruck hinunter. Er schüttelte sich. Was auch immer sie wollte, seine Zunge würde sich jetzt sicher lockern und er könnte ihr gleich gehörig die Meinung sagen!

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Er musste sich erst einmal Alkohol hinter die Binde kippen. Das verwirrte mich noch mehr, aber immerhin erklärte er mir nun endlich wer Hitta eigentlich war. Die Tochter eines Händlers, die für ihren Vater die Bücher geführt hatte. Das erklärte unsere ordentlichen Bücher! Sie hatte sich wohl rührend um ihn gekümmert und es schien mir sogar, als wäre es für ihn etwas ernstes gewesen. Er trank einen Wein nach dem anderen, während ich immer noch den ersten in meiner Hand hielt. Zunehmend lallend berichtete er mir, warum sie ihn davon gejagt hatte. Ich verstand allerdings nur etwas wie “falscher Name im Bett” und “du bis schuld!” Dann begann er sich die Haare zu raufen und erneut einen Premer herunter zu stürzen. Ich bekam langsam Angst um ihn und versuchte ihn zu beruhigen. Ich nahm ihm die Flasche Premer weg, der Wein war bereits leer und versuchte ihn am Arm zu einem Stuhl zu delegieren. Er schlug meinen Arm jedoch davon und lallte “Ja, ja. Ich kümmere mich um eure Scheiß-Schule! Lass mich bloß in Ruhe und geh auf Reise! Mich braucht ihr dabei ja nich!”

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Es dreht sich alles um ihn. Er hätte Neraidas Hand nicht wegschlagen sollen und ihre Hilfe annehmen. Er stützte sich auf einem Schrank ab, peilte einen Stuhl an und taumelte darauf zu. Gerade noch so erwischte sein Hintern einen Teil des Stuhls. Ausreichend, um nicht daneben zu fallen. Er schaute zu Neraida, die ihren Becher bereits abgestellt hatte und ziemlich ärgerlich auf weitere Erklärungen wartete. “Schulligung” nuschelte er, “Is keine Scheiß-Schule. Ich mach das scho. Ellich” sicherte er ihr zu. Scheinbar zufrieden entspannte sich Neraida ein wenig “Schlaf den Rausch aus. Wir besprechen morgen genaueres!” sagte sie, ehe sie sich umdrehte und davon ging.
Er haute mit einer Faust auf den Tisch, dass der Becher einen Hüpfer machte und umkippte. “Scheiß Schule, Scheiß Weiber” dann sank er zusammen und schlief halb auf dem Tisch liegend ein.